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Integration & Politik

NBM Interview: Feminismus im Islam

Das No Border Magazine wollte wissen, wie der Feminismus im Islam gesehen wird und was die eigene Motivation ist, ein Kopftuch zu tragen.

„Im Koran gibt es Verse, die sich damit beschäftigen, dass Mann und Frau gleich sind“ 

Khola Maryam Hübsch hielt im Mai 2016 in Lüneburg an der Leuphana Universität einen Vortrag zum Thema Islam und Feminismus, der das No Border Magazine sehr beeindruckte. Das Interview mit ihr fand in Hamburg im Zuge der Altonale statt, Norddeutschlands größtem Kultur- und Stadtteilfest, zu der sie eingeladen war, um die Eröffnungsrede zu einer Veranstaltung zum Thema Flucht und Hoffnung zu halten und an der anschließenden Publikumsdiskussion teilzunehmen. No Border wollte von ihr wissen, wie der Feminismus im Islam gesehen wird und was ihre eigene Motivation ist, ein Kopftuch zu tragen.

No Border Magazine: Frau Hübsch, was bedeutet Feminismus für die islamische Frau? 

KMH: Viele muslimische Frauen, das ist zumindest meine Erfahrung, haben Schwierigkeiten mit dem Begriff Feminismus. Es erinnert sie an die Kolonialzeit, wo im Namen des Feminismus Dinge getan worden sind, die Frauen unterdrückt haben. So wie die Zwangsentschleierung in Ägypten oder auch das völkerrechtswidrige Einmarschieren in Länder, wo dann gesagt wird, das sei zur Befreiung der Frau. So eine Argumentation gab es auch 2003 im Irakkrieg. Man verbindet Feminismus also mit diesem kolonialen Gedanken und möchte sich das nicht zu eigen machen, denn der Begriff gehört quasi zu der „weißen Frau“. Das ist das Schwierige mit dem Begriff Feminismus. Wenn wir stattdessen von Geschlechtergerechtigkeit sprechen, schafft das eine Grundlage mit der sich alle wohlfühlen. Viele muslimische Frauen sagen, Gerechtigkeit ist das oberste Prinzip, das auch im Koran angelegt ist. Das muss also auch bedeuten, dass es eine Geschlechter-Gerechtigkeit gibt und wenn es die gibt, dann kann man sich auch solidarisieren und zusammen für sie kämpfen. Es gibt viele muslimische Aktivistinnen in Deutschland und auch durchaus welche, die sich als Feministinnen bezeichnen. Es ist schon eine wachsende Szene weltweit, die da keine Hemmungen mehr hat.

NBM: In wie weit spielt hier die Auslegung des Korans eine Rolle? 

KMH: Das ist ähnlich wie in der Bibel oder der Kirche. Auch dort gibt es viele Stellen, die als frauenfeindlich gelten. Es kommt dann stark darauf an, wie der historische Kontext und der textuelle Kontext ist. Das darf man einfach nicht ausblenden. Im Koran gibt es eine Vielzahl von Versen, die sich damit beschäftigen, dass Mann und Frau gleich sind und das war für die damalige Zeit sehr revolutionär. So etwas in einer patriarchalen Gesellschaft zu behaupten war ein Novum. Es gibt aber einige Verse, das sind vielleicht drei bis maximal fünf, bei denen der Eindruck entsteht, dass es dort um Ungleichheit gehe. Zum Beispiel wenn es um das Erbrecht geht oder um die Zeugenaussage. Und dann verstehen viele nicht, dass es sich dort um einen konkreten, situativen Zusammenhang dreht, aus dem heraus es dann wieder gerecht ist.

NBM: Wie meinen Sie das?

KMH: Schauen wir uns beispielsweise die Zeugenaussage im Finanzsektor an. Es heißt dort, dass sich die Frau eine weitere Frau zur Unterstützung hinzunehmen soll. Das ist eine Stelle wo viele sagen: Was, die Zeugenaussage von zwei Frauen ist so viel wert wie die eines Mannes? Das ist ungerecht! Dabei geht es darum, dass es ein männerdominierter Bereich ist, in dem Frauen eher unerfahren sind - was sogar bis heute so ist - und dass man deshalb zur Unterstützung der Frau eine weitere Frau zur Begleitung duldet. Dennoch ist die Zeugenaussage einer Frau so viel wert wie die eines Mannes. Das wird aus anderen Koranversen deutlich: In der Sure 24 heißt es sogar, dass die Zeugenaussage einer Frau die Aussage eines Mannes entkräften kann. Und diesen Zusammenhang sehen einige nicht. Es wird pauschal Kritik geübt, ohne den textuellen und historischen Kontext zu kennen. Aber es gibt auch Männer, die die Religion instrumentalisieren wollen, um Frauen zu unterdrücken und diese Stellen dazu nutzen. Dagegen wehren sich nicht nur muslimische FeministInnen sondern auch TheologInnen, die sagen: Ihr habt keinen Sachverstand, keine Expertise und keine Kompetenz, das so einseitig auszulegen. Dazu brauch man schon etwas Hintergrundwissen.

NBM: Gibt es dabei Unterschiede zwischen Europa und der sogenannten islamischen Welt? 

KMH: Was in Deutschland und Europa erschwerend dazu kommt, ist, dass die radikale Auslegung des Korans durch eine Minderheit in den Medien oft als der Islam per se diskutiert wird. Wir erhalten damit ein Bild, wie der Islam zu sein scheint, während alle anderen nicht radikalen Auslegungen als unwichtig gelten. Es ist ein Kampf um Deutungshoheit und es ist schwierig gegen die Radikalen anzugehen, die laut sind und viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen durch ihre Präsenz in den Medien. Die Medien konzentrieren sich oftmals auf dienegativen Nachrichten ohne ein ausgleichendes Korrektiv über den friedlichen Islam, wodurch die Assoziation entsteht, der Islam sei vor allem eine Bedrohung. Dazu kommt die sogenannte islamische Welt, in der wir in einigen Ländern noch Diktaturen und repressive Regime haben. Das betrifft natürlich Frauenrechte und Minderheitenrechte, aber das ist auch das politische System dort. Die extremen Beispiele sind Saudi-Arabien und Iran. In Saudi-Arabien ist der Wahhabismus Staatsreligion. Das ist eine sehr strenge Auslegung des Islams, die von anderen Strömungen abgelehnt wird. Ursprünglich war dies eine kleine, radikale Sekte, die niemand wirklich ernst genommen hat, bis sie dank der Petro-Dollar weltweit ihre Ideologie entfalten konnte. Dass so eine extreme Auslegung so einflussreich sein kann, ist etwas, das der islamischen Welt sehr zu schaffen macht. Ansichten, die früher als radikal galten, verbreiten sich heute bis weit in der Bevölkerung hinein. Das führt z.B. dazu, dass Studien zufolge über 90 Prozent der deutschen Bevölkerung die Unterdrückung der Frau mit dem Islam verbindet – weil es eben in Saudi-.Arabien etwa wirklich eine Diskriminierung der Frau gibt.

NBM: Weshalb wird der Islam so dämonisiert? Weshalb passen Islam und Feminismus für uns nicht zusammen?

KMH: Weil hier lange Zeit so hart für den Feminismus gekämpft wurde, für die Frauenrechte. Gerade die Generation von Alice Schwarzer, was bestimmt nicht leicht war. Jetzt haben diese Frauen Angst, dass die muslimische Frau kommt und alles ruiniert und sie zurück wirft. Eine ähnliche Angst hatte man übrigens Anfang des 20 Jhr. in Amerika, als man befürchtete, die Einwanderung der katholischen Frau würde die zarten Erfolge des Feminismus gefährden. 

Die Angst hat auch etwas mit der Realität in Teilen der sogenannten islamischen Welt zu tun. Denken wir etwa an die iranische Revolution 1979; Alice Schwarzer ist in dieser Zeit als Aktivistin unterwegs gewesen. Es hat sie stark geprägt, dass dort Frauen im Namen der Religion unterdrückt wurden. Das ist das eine. Das andere ist, glaube ich, dass die Stereotypisierung der muslimischen Frau auch eine psychologische Entlastungswirkung hat. Man kann sich selbst zurück lehnen und gut fühlen, weil man sagen kann: Naja, wir sind aufgeklärt, bei uns ist die Gleichberechtigung schon verwirklicht. Das ist dann quasi ein Problem des Anderen, des muslimischen Mannes, der muslimischen Frau, der muslimischen Gesellschaft – es kann ausgelagert werden. Man selbst kann sich überlegen und fortschrittlich fühlen, das löst ein Wohlgefühl aus. Eine Gesellschaft kann sich darüber definieren. Es gibt aber auch einen anderen Teil der Realität. Es gibt die muslimischen Familien, in der die Töchter schlecht behandelt werden und die Jungs alles dürfen und es gibt die selbstbewussten, muslimischen Frauen, die ein Kopftuch tragen, obwohl die Eltern das nicht wollen, weil sie Diskriminierung fürchten. Was in den Medien jedoch dominiert, sind die negativen Fallbeispiele die das Islambild prägen. Über eine vereinzelte Negativfälle hinausgehend  die Vielfalt zu sehen und zu erkennen, dass es solche Muslime und andere gibt, diese Reflexion fehlt bisweilen.

NMB: Was war Ihre Motivation, ein Kopftuch anzulegen? 

KMH: Bei mir spielten am Anfang rationale oder gesellschaftspolitische Argumentente eine untergeordnete Rolle. Ich hatte hauptsächlich ein spirituelles Motiv, weil ich mir dachte, dass das Kopftuch meine Verbundenheit zu Gott ausdrückt - ich tue das für Gott, weil ich es als moralisches Gebot verstehe. Das Kopftuch erinnert mich jederzeit an Gott, egal wo ich bin und macht mich auch äußerlich zu einer Muslimin. Es ist also ein Bekenntnis zu meiner Religion. Ich verstecke das nicht.  Sich für diesen Weg zu entscheiden, auch wenn ich mir bewusst war, dass das soziale Ächtung und Ausgrenzung nach sich ziehen würde, war für mich eine Entscheidung für Gott. Das heißt ich wollte mein Handeln nicht abhängig machen von der Anerkennung anderer Menschen. Das Wohlgefallen Gottes sollte im Mittelpunkt stehen Das hat meine Beziehung zu Gott gestärkt. Später kam die Erfahrung dazu, was das Kopftuch im Umgang mit anderen auslöst, vor allem auch mit dem anderen Geschlecht und wie man behandelt wird. Die Jungs waren reservierter, distanzierter und vorsichtiger im positiven Sinne. Den anderen Mädchen wurde im Sommer der Rock hochgezogen, bei mir hat man sich das nicht getraut. Der Umgang war nicht mehr so locker, sondern respektvoller. Sexistische Witze und Kommentare waren kein Thema mehr – das Kopftuch funktioniert wie eine Barriere und führt zu einem neutraleren Umgang mit dem anderen Geschlecht, was ich als sehr angenehm empfand.

NMB: Worin liegt die Motivation ein Kopftuch zu tragen? 

KMH: Es gibt Frauen, die das Kopftuch aus rein kulturellen Gründen tragen und es dann auch ablegen, wenn sie in Europa leben. Aber viele, gerade auch die neue Generation, die in den Sozialwissenschaften als „Neomusliminnen“ bezeichnet werden, tragen das sehr reflektiert. Es ist die zweite oder dritte Generation der Einwanderer. Die Eltern leben oft eine traditionelle Religiosität, die weniger hinterfragt und erarbeitet wurde und die auch nicht immer sichtbar ist. Aber die jungen muslimischen Frauen beschäftigen sich häufiger mit der ursprünglichen Lehre ihrer Religion jenseits von Kultur und Tradition,weil sie sich damit auseinandersetzen müssen in einem Land, in dem der Islam eine Minderheitenreligion ist. Sie schauen sich die Quellen an, haben einen sehr rationalen, reflektierten Umgang und entscheiden sich dann bewusst, nicht nur aus traditionellen Gründen, für zum Beispiel das Kopftuch. Man wird ja auch viel an den Pranger gestellt und muss sich dann erklären. 

Also entscheidet man sich entweder dagegen oder dafür und wenn man sich dafür entscheidet, dann auch aus Überzeugung und nicht weil man das nun mal so macht. Ich glaube, das ist auch eine Komponente: Dadurch, dass wir hier in einer Minderheit sind, stärkt es das Selbstbewusstsein und die Persönlichkeit, wenn man diese Entscheidung für sich fällt, weil man mit Diskriminierung und Sonderbehandlung rechnen muss. Man stellt sich bewusst gegen die Mehrheit und gegen den Mainstream. In der Pubertät ist dies besonders schwer. Da gilt es als uncool ein Kopftuch zu tragen, da sind bestimmte Moden im Trend. Das Tragen eines Kopftuches zerstört da irgendwie alles. Aber man lernt dadurch. Es werden auch andere Dinge nichtmehr so wichtig, man muss dann nicht jedem Trend folgen und legt den Gedanken ab, anderen gefallen zu müssen. Man stellt sich die Frage: Was ist wirklich wichtig? Ich konnte dadurch eine Beziehung zu Gott aufbauen. Es hat mir sehr viel Kraft und Halt gegeben, dass ich mich von dem Urteil anderer Menschen unabhängig gemacht habe.

NBM: Was verändert es im Umgang mit der Gesellschaft, dass Sie ein Kopftuch tragen?

KMH: Meine Erfahrung ist, dass man anders wahrgenommen wird. Mein Mann meinte zu mir: Guck mal, wir werden ständig angeschaut. Aber ich hab das schon gar nicht mehr gesehen. Da stumpft man mit der Zeit vielleicht ab. Ich merk das einfach nicht mehr, aber man wird anders behandelt, es ist ein anderer Umgang. Es ist aber nicht mehr wirklich relevant, man macht sich ein Stück weit frei von dem Gedanken, was der andere jetzt über mich denkt oder was die Gesellschaft denkt, sondern ist sich selbst treu.

NBM: Hat sich durch die „Flüchtlingskrise“ die Einstellung der Gesellschaft zu Ihnen als Muslimin geändert?

KMH: Ja, das ist schon zu bemerken, ich merke, dass sich die Stimmung verschlechtert hat. Nach Terroranschlägen ist es oft so, dass Personen enthemmter reagieren und man stark angefeindet wird, Sprüche hinterher geschrien werden. Manchmal ist auch die Befürchtung da, dass jemand gewalttätig wird, diese Fälle gibt es ja. Manche Muslime neigen dazu, sich zu verkriechen, wenn sich die Stimmung nach solchen Terroranschlägen verschlechtert. Man möchte nicht damit in Verbindung gebracht werden. Aber dadurch, dass ich das Kopftuch trage und es nicht einfach ablegen werde, ist es auch ganz gut zu sagen: Nein, ich stehe jetzt dazu. Wir wollen den Terroristen ja auch nicht die Deutungshoheit überlassen.

NBM: Ist es im Koran festgehalten, dass die Frau ein Kopftuch tragen soll? 

KMH: Es gibt zwei Verse, da ist es als Gebot formuliert (Sure 24: Vers 33 und Sure 33: 60)..

Natürlich gibt es Muslime, die diese Stellen anders deuten, aber mir erscheint es schon recht eindeutig auch angesichts der Tatsache, dass der Prophet Muhammad selbst diese Stellen so ausgelegt hat, dass die Frauen sich bedecken sollen – und seine Auslegung gilt als maßgeblich.

NBM: Ist es so, dass die Frau, die kein Kopftuch trägt, Gott missfällt?

KMH: Ob man Gottes Missfallen auf sich zieht, das weiß nur Gott allein, es obliegt mir nicht, da ein Urteil zu treffen. Aber ich würde es nicht riskieren wollen, etwas zu tun, wodurch ich mich von Gott entfernen könnte. Und wenn es ein Gebot Gottes ist, dann ist es in jedem Fall ein Mittel, um seine Liebe zu erlangen, denn man unternimmt eine Anstrengung nur zu dem Zweck, Gott näher zu kommen. Es ist jedoch an keiner Stelle im Koran eine Form der weltlichen Strafe erwähnt für das nicht Beachten dieses Gebotes. In der Regel ist es so, dass wenn man sich als Muslimin begreift, man dann auch versucht, den Geboten zu entsprechen.

NBM: Bedeutet das Tragen eines Kopftuches im weitesten Sinne die Bescheidenheit vor Gott?

KMH: Ja, das auf jeden Fall, eine demütige Haltung, Zurückhaltung in der Öffentlichkeit. Das heißt nicht, dass man das nicht ohne Kopftuch auch an den Tag legen kann. Es gibt aber schon eine gesellschaftliche Komponente, die das hat. Es geht auch um den Umgang der Geschlechter in der Öffentlichkeit und dass man möchte, dass die eheliche Beziehung geschützt ist, und nicht leichtfertig gefährdet wird. . Grade die Liebe in der Moderne hat eine Dynamik angenommen, die deutlich macht, dass der allzu offenherzige Umgang der Geschlechter zu viel Beziehungschaos führt und eine langfristige, lebenslange Bindung, an der man stetig wächst im Wege steht.  Z.B. das Phänomen „Tinder“. Das Wisch-und-Weg Prinzip, das die Partnerwahl stark vom  Äußerlichen abhängig macht, wodurch man den Menschen nicht mehr als Mensch begreift, sondern da auch kapitalistisch und konsumierend herangeht. Wir haben eine sehr sexualisierte Öffentlichkeit, grade die Massenkultur, wo oft der Gedanke fehlt, sich zurückzunehmen und das Heilige, Intime in einer Partnerschaft, die auch von Verantwortung geprägt ist, zu schätzen und sich treu zu sein, ein Leben lang. Also eigentlich auch christliche Werte. Im Islam gibt es die verstärkende Komponente über die Kleidung, für Frauen sowie Männer. Im kapitalistischen Zeitalter verlieren solche Werte zunehmend an Bedeutung auch im Namen einer sexuellen Freiheit, mit der niemandem gedient ist.,Treue ist zwar wünschenswert, aber scheint nicht zu funktionieren; ein Leben lang mit einem Partner wäre ganz nett, aber klappt irgendwie nicht. Das ist, wo die Religion hinführen möchte. Da geht es um Reifeprozesse und um eine spirituelle Entwicklung der Persönlichkeit hin zu Geduld, Standhaftigkeit, Toleranz und Gottesbezug – essentiell wichtige Eigenschaften für eine langwährende Partnerschaft.

Das Kopftuch hat also eine Funktion in der Öffentlichkeit: eine gewisse Distanz zum anderen Geschlecht als Schutz schaffen und dass bestimmte Werte dadurch hochgehalten werden und klar ist, für welche Werte man steht. Hier gibt es das Beispiel von der Flasche und dem Wasser: Worum es eigentlich geht, ist das Wasser, das wir trinken, das für unsere Werte steht. Das Kopftuch ist nur die Hülle, also die Flasche, die das Trinken des Wassers vereinfacht. Es geht auch ohne Flasche bzw. Kopftuch, aber mit geht es eben etwas einfacher.

Einige Abschlussworte 

KMH: Ich hoffe, dass es irgendwann normal wird, dass muslimische Frauen mit Kopftuch zu allen Themen in der Öffentlichkeit sprechen, weil sie eine Expertise haben und nicht nur weil sie sich und ihr Kopftuch erklären müssen. Es gibt bereits viele aktive, selbstbewusste, muslimische Frauen überall in der Welt, die sich engangiereh. Die sind auch in sogenannten islamischen Ländern zu finden, als Präsidentinnen, Ministerinnen, Wissenschaftlerinnen und so weiter. Eine Richterin mit Kopftuch wäre bei uns hingegen gar nicht denkbar. In London gibt es einen Sikh, der Richter ist. Das ist dort mittlerweile ganz normal. Es gibt auch Sikhs und Kopftuchträgerinnen, die Lehrer sind und ich glaube, das wird zunehmend normaler. Irgendwann werden wir nichtmehr voreingenommen und befangen sein, nur weil eine Frau ein Kopftuch trägt, sondern es wird eine Selbstverständlichkeit sein. Vielleicht in 20 Jahren? Es geht hier auch um Privilegien. Es gibt Menschen, die möchten nicht, dass sich die Minderheiten ihren Platz hier erstreiten können. Solange die Putzkraft in der Schule mit Kopftuch arbeitet, ist es unproblematisch, aber sobald diese Minderheit sichtbar in privilegierten Positionen arbeitet, gibt es Entrüstung. Es geht also auch um Konkurrenz. Einige Menschen, die sich in prekären Situationen befinden, haben Angst vor den Flüchtlingen, weil die ihnen vielleicht etwas wegnehmen könnten, was der Sozialstaat zur Verfügung stellt – obwohl niemand auch nur einen Euro weniger bekommt, seitdem es Flüchtlinge in Deutschland gibt. Stattdessen sollten wir die Kluft zwischen Arm und Reich und die soziale Ungerechtigkeit in Frage stellen, die diese Situation überhaupt erst entstehen lässt. Warum besitzen 62 Menschen auf der Welt so viel wie die Hälfte der Weltbevölkerung? Da ist doch irgendwas nicht im Lot. Das wird aber nicht angegangen, stattdessen tritt man nach unten.

Es gibt bei uns nur noch wenig Bezug zu Religion und vielleicht gedeiht auch dadurch so etwas wie Pegida. Es gibt kein Verständnis für Religiosität mehr, es ist eine Gesellschaft, die zunehmend atheistisch ist und da sind die Religiösen die Minderheit und müssten sich eigentlich solidarisieren, statt gegeneinander zu sein.