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Integration & Politik

Cicero: Der Islam und der Westen sind jetzt gemeinsam gefordert

Der Islam hat nichts mit den Attentaten von Paris zu tun? Das ist unglaubwürdig. Was der Islam jetzt braucht, ist ein theologischer Disput – und einen Westen, der bereit ist, seine Außenpolitik zu überdenken

Wer hätte das gedacht? Nach dem grausamen Attentat auf Charlie Hebdo scheint eines der zentralen Ziele der Terroristen nicht erreicht worden zu sein.

Natürlich ging es den Islamisten in erster Linie nicht darum, die Ehre des Propheten zu rächen – die sie ganz offensichtlich mit Füßen getreten haben. Keine Karikatur hätte die Lehre des Propheten so sehr verhöhnen können, wie es der grausame Anschlag auf die Karikaturisten getan hat. Nein, die Islamisten wollten einen Kampf der Kulturen inszenieren. Islamisten möchten, dass sich die Fronten verhärten, dass ihr Hass sich überträgt, dass es gelingt, einen angeblich unvereinbaren Gegensatz westlicher Werte mit dem Islam heraufzubeschwören.

 

Denn eines dürfte auch ihnen klar gewesen sein: Ein Terroranschlag führt nicht dazu, dass keine Karikaturen des Propheten mehr gezeichnet werden, im Gegenteil. Aber ein Terroranschlag kann einen Keil durch die Gesellschaft treiben, antimuslimische Ressentiments anheizen und all denjenigen eine Steilvorlage liefern, die islamophobe Stimmung machen und damit letztlich einem gesellschaftlichen Klima Vorschub leisten, das Muslime ausgrenzt. Was kann islamistischen Terroristen Besseres passieren, als Muslime, die sich nicht akzeptiert fühlen? Die frustriert sind, weil sie keine Anerkennung erfahren und sich immer wieder für ihre Religion rechtfertigen müssen? Muslime, die merken, dass sie nie als echte Franzosen oder Deutsche angesehen werden? Ein guter Weg zur Rekrutierung also.

 

Ein neues Wir-Gefühl vereint Muslime und Nicht-Muslime


Und nun das: Kaum ein Politiker, der nicht phrasenhaft betont, der Terror habe nichts mit dem Islam zu tun und zur Differenzierung mahnt. Kaum ein Leitartikel, der nicht dazu aufruft, sich als Gesellschaft nicht spalten zu lassen. Solidaritätskundgebungen, auf denen Muslime gemeinsam mit Nicht-Muslimen symbolträchtige Bilder liefern. Und eine Kanzlerin, die betont, der Islam gehöre zu Deutschland. Der Wille, sich gemeinsam für Toleranz und Freiheit einzusetzen, war selten so groß. Es scheint plötzlich da zu sein: Ein neues Wir-Gefühl, das Muslime und Nicht-Muslime vereint.

Ja, die Terroristen scheinen versagt zu haben. Doch halten wir inne. Werden die Beteuerungen, der Islam habe mit dem Islamismus nichts zu tun, wirklich nachhaltig überzeugen können? Schon erreichen uns die ersten Meldungen weiterer, vereitelter Terroranschläge im Namen Allahs. Nein, die floskelhafte Formel, der Islam habe damit nichts zu tun, erscheint angesichts der expliziten Berufung auf diese Weltreligion mehr als unglaubwürdig: Wie ein apologetischer Beschwichtigungsversuch, der verdrängen möchte, was offensichtlich ist.

Wir Muslime können nicht die Augen davor verschließen, dass es eine menschenverachtende und gewaltverherrlichende Lesart des Islam gibt, die sich auf die Quellen dieser Religion beruft. Ja, die Islamisten argumentieren auch theologisch, sie zitieren Koranverse und Überlieferungen des Propheten und rechtfertigen ihre Taten damit als Glaubensakte in der Tradition des Propheten. Es ist wichtig, innerislamisch darüber zu streiten, welche Lesart überzeugend ist und der inneren Logik der islamischen Quellen gerecht wird. In einer Zeit, in der das Islambild maßgeblich von Fanatikern bestimmt wird und eine von Petro-Dollars finanzierte wahhabitische Ideologie weltweit den islamischen Mainstream infiltriert, geht es darum, die Deutungshoheit wieder zurückzuerobern. Ja, es gibt ein starkes, orthodoxes Gelehrten-Establishment, das eine Lesart des Korans forciert, ihm in seiner Ganzheit nicht gerecht wird.

 

Blasphemiegesetze abschaffen


Wenn Muslime beteuern, der Islam habe mit dem Mord an den Mohammed-Karikaturisten nichts zu tun, müssen sie sich auch dafür stark machen, dass die Blasphemie- und Apostasiegesetze in sogenannten islamischen Ländern abgeschafft werden. Fast die Hälfte aller Länder mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit stellen Religionswechsel und Blasphemie unter strenge Strafe. Und das, obwohl es im Koran keine einzige Stelle gibt, die das fordert. In den fünf Passagen, die sich mit Blasphemie beschäftigen, werden die Muslime dazu aufgefordert, Kritik geduldig zu ertragen, sich abzuwenden und die Götter anderer nicht zu verspotten: „Und ertrage in Geduld alles, was sie reden; und scheide dich von ihnen in geziemender Art“ (z.B. 73:10).

Problematisch ist jedoch, dass den Überlieferungen des Propheten, den „Hadithen“ der Vorzug vor dem Koran gegeben wird. So berufen sich Islamisten häufig auf zweifelhafte Tradierungen, obwohl die islamische Gelehrsamkeit sich einig ist, dass ein Großteil der Hadithe nicht authentisch ist und dem Propheten in den Mund gelegt wurde. Der Koran dagegen gilt als wortwörtliche Offenbarung Allahs.

 

Als Faustregel muss daher gelten: Wenn eine Überlieferung dem Geist des Korans widerspricht, muss sie abgelehnt werden. Das gilt auch für unglaubwürdige Passagen der ersten Prophetenbiografien, die hunderte Jahre nach dem Tod des Propheten geschrieben wurden und heute zur Inspirationsquelle einiger Fanatiker werden. Hinzu kommt, dass der historische Kontext vieler Überlieferungen nicht bedacht wird. Einige Überlieferungen, die herangezogen werden, um die Strafwürdigkeit von Apostaten und Blasphemikern zu belegen, beschreiben Fälle von Hochverrat, Terrorismus und Mord, die den damaligen Gesetzen entsprechend bestraft wurden. Die Angeklagten waren zeitgleich auch Apostaten oder verspotteten den Propheten. Diese beiden Ebenen werden nun vermischt. Dass die Verspottung jedoch nicht Anlass für die Strafe gewesen sein kann, zeigen zahlreiche andere Überlieferungen, die darüber berichten, wie der Prophet Beschimpfungen mit Geduld und sogar Humor ertragen hat.

Es hilft nichts: Ein innerislamischer Disput, der dezidiert theologisch geführt wird und dem Islamismus fundiert den theologischen Nährboden entzieht, indem er aus den Quellen des Islam heraus argumentiert, ist von zentraler Bedeutung. Das zeigt bereits die Gewaltfrage: Auch dort muss sich das Verständnis durchsetzen, dass die Gewaltpassagen des Korans einen historischen Kriegskontext thematisieren und Gewaltanwendungen nur zur Verteidigung erlaubt werden.

 

US-Folterkammern als Nährboden für Terrorismus


Muslime müssen nun selbstkritisch Verantwortung übernehmen für eine versäumte innerislamische Aufklärungsarbeit. Doch eines muss klar sein: Auch der Westen muss Verantwortung übernehmen. Ja, auch der Westen kann sich nicht scheinheilig als Opfer gerieren, so als habe er nichts zu tun mit dem islamistischen Terror. Er muss sich selbstkritisch eingestehen, dass Fehler der westlichen Außenpolitik entscheidend dazu beigetragen haben, dass der Nährboden für Terrorismus entstehen konnte. Die Attentäter von Frankreich wollten sich in erster Linie an der westlichen Zivilisation rächen und nicht an jenen, die über ihren Propheten lästern. Sie nennen die CIA-Folterkammern als Motiv für ihre Anschläge, keine Koranverse. Es waren nicht die Mohammad-Bilder, die sie radikalisiert haben, sondern die Bilder von Abu-Ghraib.

Der politische Islamismus ist ein modernes Phänomen: Er ist entstanden als Reaktion auf Fremdherrschaft und Kolonialisierung. Er wurde von Demütigungserfahrungen begleitet, die bis heute anhalten und zu denen sich Perspektivlosigkeit und Frustration gesellen. Wenn völkerrechtswidrig interveniert wird, wenn Gebiete besetzt und Militärschläge gerechtfertigt werden, wenn blutige Diktaturen unterstützt werden und demokratische, säkulare Regierungen gestürzt werden, wenn Waffen an Drittstaaten geliefert werden und enge Bündnisse mit Ländern bestehen, die Dschihadisten finanzieren, darf der Westen die Augen vor seiner Mitschuld nicht verschließen. Der Westen war daran beteiligt, den sozialen und politischen Nährboden für einen Terrorismus zu legen, dessen geistiger Humus die islamistische Ideologie ist.

Eine ethisch glaubwürdige westliche Außenpolitik, die ein echtes Interesse an sozialer Gerechtigkeit hat und nicht nur ihren eigenen Interessen folgt, kann das Fundament für eine islamische Aufklärung legen. Ein Großteil der Muslime ist durch Kriege gebeutelt und wird von autoritären Regimen unterdrückt. Erst wenn sich diese sozioökonomischen und politischen Rahmenbedingungen ändern, kann einer pervertierten Staatstheologie, die die Religion für ihre Zwecke nutzt, der Kampf angesagt werden.

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