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Integration & Politik

Barrieren im Kopf

Gastbeitrag in der Frankfurter Rundschau

Antisemitismus ist das Gerücht über Juden, schrieb Adorno. Es gibt auch ein Gerücht über die kopftuchtragende Frau. Nicht nur wird kolportiert, sie sei unterdrückt oder wolle das Land islamisieren. Es heißt auch: Sie wirkt nicht neutral. Denn neutral ist, was aus Mehrheitsperspektive normal erscheint. Doch wie kann das Kopftuch einer Lehrerin, Richterin oder Rechtsreferendarin jemals normal und damit „neutral“ erscheinen, wenn es Frauen in diesen Berufsgruppen von vornherein verboten wird? Und warum dürfen die Brüder und Väter dieser Frauen Richter und Lehrer werden? Nur weil man ihnen ihre Überzeugungen nicht ansieht? Gleichberechtigung sieht anders aus.

 

Kein Mensch ist weltanschaulich neutral. Nicht die konservativ-katholische Richterin und nicht der links-atheistische Lehrer. Doch wir gehen davon aus, dass sie neutral unterrichten, neutral urteilen können. Haben wir Zweifel daran, stellen wir einen Befangenheitsantrag oder fordern eine Einzelfallprüfung – warum also messen wir mit zweierlei Maß, wenn es um eine muslimische Rechtsreferendarin geht?

Der Staat ist dann neutral, wenn er keine Weltanschauung, keine Religion diskriminiert oder privilegiert. Wenn die gesellschaftliche Pluralität sich auch in den Institutionen des Staates wiederspiegelt. Religiöses Leben autoritär ins Private zu verbannen und Freiheitsrechte von Minderheiten einzuschränken gehört eher zu den Kennzeichen autoritär-repressiver Regime.

 

Wenn eine Kopftuchträgerin die Gebote ihrer Religion ernst nimmt, warum kann das nicht auch bedeuten, dass sie die Gebote des staatlichen Gesetzes ebenfalls ernst nimmt? Warum kolportieren wir ohne jegliche empirische oder normative Grundlage pauschal und schon vorab, sie sei religiös befangen, wiewohl wir dies anderen frommen Gläubigen nicht unterstellen? Und warum lassen wir es nicht zu, dass uns die Praxis eines Besseren belehrt, wenn Kopftuchträgerinnen durch kompetente Arbeit Vertrauen gewinnen?

 

Kopftuchverbote zementieren die Barrieren im Kopf. Sie verhindern, dass sich in den Köpfen der Menschen etwas bewegt, weil alles schön beim Alten bleibt: Das Tuch auf dem Kopf trägt die Putzhilfe, nicht die Richterin. Damit wird das stereotype Gerücht der Mehrheitsgesellschaft zur allgemeingültigen Norm erhoben und der Minderheit die Chance verbaut, sich aus ihrer klischeebehafteten Rolle zu befreien. Mit dem Gerücht vom Kopftuch bleibt: Das Brett vorm Kopf.