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Integration & Politik

By ning1no_no1 [CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)], from Wikimedia Commons

Anti-muslimischer Rassismus

Der „aktuelle Rassismus“ ist kein gesellschaftliches Randphänomen, sondern ein Problem der „Mitte“

Rassismus - ein gesellschaftliches Randphänomen oder salonfähig?

Der Begriff des anti-muslimischen Rassismus wird im medialen und politischen Diskurs in der Regel gemieden. Mit „Rassismus“ werden häufig ausschließlich antisemitische, rechtsextreme Einstellungen beschrieben, die am Rand der Gesellschaft verortet werden – damit wird das Problem marginalisiert. Denn der „aktuelle Rassismus“ ist kein gesellschaftliches Randphänomen, sondern ein Problem der „Mitte“. Wenn über die Hälfte der Deutschen islamfeindlichen Aussagen zustimmen und etwa fordern, die Religionsausübung für Muslim_innen erheblich einzuschränken (Decker 2010), dann zeigt dies, dass der „Rassismus ohne Rasse“ (Balibar 1992/Hall 1989) längst salonfähig geworden ist. 

Allein der Umstand, dass biologistische Rassentheorien in Europa offiziell keine gesellschaftliche Akzeptanz mehr finden, heißt noch nicht, dass rassistische Denk- und Handlungsweisen nicht mehr existieren würden. Haltungen, die die prinzipielle Unvereinbarkeit und Ungleichwertigkeit von „Kulturen“ behaupten, scheinen des Rassismus unverdächtig. Menschen werden jedoch weiterhin kategorisiert und anhand bestimmter Merkmale bewertet und ausgegrenzt – genau das ist Rassismus.

Seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 ist zu beobachten, dass das soziale und politische Konstrukt der „Rasse“ zunehmend anhand religiöser Zuschreibungen zu einem Alltagsrassismus führt, der Muslim_innen kollektiv aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit problematisiert. Die defizitorientierte Sicht gilt nun nicht mehr vorrangig dem_der „Ausländer_in“ allgemein, sondern zunehmend dem_der „Muslim_a“. 

Anti-muslimischer Rassismus – aus Natur wird Kultur 

Es ist damit zu einer diskursiven Verschiebung vom biologistisch argumentierenden Rassismus zu einem „Neo- bzw. Kulturrassismus“ gekommen, der sich in der Praxis dadurch kennzeichnet, dass soziale Konflikte ethnisiert und kulturalisiert werden und islamfeindliche Positionen in der Öffentlichkeit akzeptiert sind, da der dahinterliegende Rassismus nicht als solcher benannt wird (Räthzel 2000).

Grundlegend für den antimuslimischen Rassismus ist die Konstruktion einer „westlichen“ und einer „islamischen“ Kultur, die als in sich abgeschlossene Gebilde und miteinander unvereinbar angesehen werden. Dabei wird davon ausgegangen, dass „die westliche“ Kultur „der islamischen“ per se überlegen sei. „Der Westen“ gilt demzufolge als fortschrittlich, emanzipiert, demokratisch und aufgeklärt, während „dem Islam“ Rückständigkeit, Irrationalität, Frauenfeindlichkeit und Gewaltbereitschaft attestiert werden. Diese Zuschreibungen haben ihren Ursprung in kolonialen Diskursen, in denen eine Hierarchie der Kulturen suggeriert wurde, um hegemoniale Ansprüche zu legitimieren und die Unterdrückung und Kolonialisierung anderer Völker zu rechtfertigen. Elemente der Kolonialzeitrhetorik prägen noch heute das Islambild der Deutschen, wenn etwa eine idealisierte Darstellung „des Westens“ als kulturelles Gegenbild zur „unaufgeklärten islamischen Welt“ gezeichnet wird. 

In der Praxis hat dies zur Folge, dass bestimmte (negative) Merkmale einer Person, die als „Muslim_a“ wahrgenommen wird, allen Muslim_innen zugeschrieben werden, da Muslim_innen als kulturell homogene Gruppe angesehen werden.  Während also Personen, die als „westlich“ wahrgenommen werden nicht kollektiv kategorisiert werden, sondern als Individuen gesehen werden, steht als Ursache für das individuelle Verhalten eines als „Muslim_a“ markierten Menschen „der Islam“ im Mittelpunkt. Ob ein Straftäter „westlich“ geprägt ist oder nicht gilt als irrelevant – in Bezug auf einen als „Muslim“ wahrgenommenen Menschen dagegen wird  Kultur bzw. Religion als das allein bestimmende Merkmal für die Handlungsweisen dieses Individuums diskutiert. Schon die Zugehörigkeit zum „Kulturkreis“ des Islam genügt als Begründung für jegliche Formen gesellschaftlichen Fehlverhaltens, das pauschal aus der Religion abgeleitet wird. Andere Aspekte der Identität (soziale Herkunft, Bildung, Aussehen, Gesundheit ...) werden unsichtbar gemacht. Kultur wird damit zur Grundlage des aktuellen Rassismus und nimmt den Platz ein, den „Natur“ im Rahmen des klassisch rassistischen Denkens  besetzte. 

„Muslimifizierung“ von Problemen

Anti-muslimischer Rassismus hat politische, soziale und psychologische Funktionen. Er dient dazu, Privilegien zu sichern und Ausbeutung und Diskriminierung zu rechtfertigen sowie eine nationale Identität zu revitalisieren. Mit Hilfe anti-muslimischer Konstruktionen werden rassistische Praxen der Ausgrenzung und Marginalisierung sowie die kulturelle Dominanz der Mehrheitsgesellschaft legitimiert. Probleme, die aus bildungsbezogenen, sozialen oder wirtschaftlichen Gegebenheiten, die etwa im Zusammenhang mit Migrationsvorgängen entstehen, werden auf die Religion zurückgeführt und damit „muslimifiziert“. So entsteht der Eindruck, die Forderung nach Integration müsse vor allem an Muslim_innen  gerichtet werden. Nicht berücksichtigt wird dann, dass Teile der nicht-muslimischen deutschen Gesellschaft Integrationsdefizite aufweisen, wenn etwa wie erwähnt die grundgesetzlich garantierte Religionsfreiheit infrage gestellt wird oder fast täglich Moscheen und Flüchtlingsheime angegriffen werden . Eine Funktion der Konstruktion des_der „integrationsunwilligen Muslim_a“ besteht demzufolge auch darin ein homogenes „Wir“ zu erzeugen, dass die Anpassungsrichtung vorgibt und die kulturelle Dominanz der weiß-deutschen Mehrheitsgesellschaft zementiert sowie ihr Selbstbild stärkt (Attia 2009). 

Daneben haben antimuslimische Ressentiments eine psychologische Entlastungsfunktion. Indem Muslim_innen abgewertet werden, kann die eigene Gruppe als höherwertig definiert werden ganz unabhängig davon, wie die eigene Gruppe, z. B. In Bezug auf Haltungen zu Emanzipation und Geschlechterrollen, ist. Damit einher geht gerade angesichts globaler Krisen eine Entsolidarisierung mit gesellschaftlich Schwächeren: Der_die Muslim_a sei selbst schuld an seiner Situation, weil er_sie „kriminell“, „gewaltbereit“ und „rückständig“ sei. Die eigenen Privilegien werden durch diese Konstruktion legitimiert.

Problematisch ist dabei, dass die tatsächlichen Ursachen gesellschaftlicher Missstände aufgrund derartiger Scheinkausalitäten nicht erkannt werden, da es zu einer einseitigen Kulturalisierung der Probleme kommt. Zentrale Desintegrationsmechanismen (soziale Ungerechtigkeit und Diskriminierung sowie dadurch bedingte Arbeitslosigkeit und Segregation) werden dann weder politisch diskutiert noch angegangen. Stattdessen wird Armut durch die Verbindung des Islamdiskurses mit dem Sozialdiskurs ethnisiert und kulturalisiert und der Abbau von  Sozialleistungen kann legitimiert werden (Friedrich/ Schultes 2013). Es findet also eine Entpolitisierung gesellschaftlicher Verhältnisse statt,  indem Defizite bei der Integration mit der „Kultur“ begründet werden und ausgeblendet wird, welche gesellschaftliche Verhältnisse und politische Entscheidungen ursächlich sind.

Beispiel: Diskurs um die Silvesternacht von Köln 2015

Ein besonders evidentes Beispiel für die Kulturalisierung von Missständen ist der Diskurs um die Kölner Silvesternacht 2015, in der Hunderte von Frauen sexualisierter Gewalt ausgesetzt waren. In der Berichterstattung wurde nach Bekanntwerden des Umstandes, dass es sich bei den Tätern mutmaßlich vor allem um Männer „nordafrikanischer Herkunft“ handelte, vor allem der Islam als Ursache problematisiert. Bereits seit der Kolonialzeit gehört es zum antimuslimischen Ressentiment, die muslimische Sexualität als Gegenbild zur westlichen zu konstruieren und den muslimischen Mann als „wilden Barbaren“ darzustellen, der Frauen nicht respektiere und seine Sexualität nicht kontrollieren könne. Zurückgeführt wird dieses Verhalten auf die muslimische Sexualmoral. Die Feministin Alice Schwarzer geht so weit zu behaupten, ein „Scharia-Islam“ sei maßgeblich verantwortlich für die Straftaten der Silvesternacht (Schwarzer 2016). Dass es sich bei den Tätern um Menschen handelte, die die Gebote der „Scharia“ nicht befolgten, da sie zum Zeitpunkt der Tat in vielen Fällen unter massivem Alkohol- und Drogeneinfluss standen und sich nicht um islamische Normen und Gebote scherten, wurde kaum thematisiert. 

Statt eine sozio-strukturelle Analyse des kriminellen Milieus der Täter vorzunehmen, die zeigt, dass eine patriarchale Sozialisation sowie eine Anerkennungsproblematik neben Drogenmissbrauch, Arbeits- und Perspektivlosigkeit und zerrüttete Herkunftsfamilien mit Gewalterfahrungen eine zentrale Rolle spielen (Zeitmagazin 27/2016), wurde das Problem vor allem auf die Religionszugehörigkeit reduziert. 

Hinter der Empörung über den vermeintlich „muslimischen Sexismus“ kann ein antimuslimischer Rassismus ausgemacht werden, der zur Verschleierung an emanzipative Diskurse anknüpft Gleichzeitig wird der „westliche Mann“ in Abgrenzung zum „muslimischen Mann“ trotz durchsexualisierter Massenkultur als besonders zivilisiert und aufgeklärt dargestellt. Mit der Dämonisierung des „muslimischen Mannes“ geht also die Idealisierung der deutschen Mehrheitsgesellschaft einher, die das Projekt der Geschlechtergerechtigkeit vermeintlich erfolgreich umgesetzt zu haben scheint. Sexismus wird trotz gegenteiliger empirischer Zahlen jenseits der (mehrheits)gesellschaftlichen Strukturen verortet und als Problem des „Fremden“ ausgelagert, dem sich die Gesamtgesellschaft in den eigenen Reihen dann nicht mehr widmen muss. 

Ausblick für die Praxis

Wichtig für die Praxis ist es, gegendiskursiven Inhalten mehr Beachtung zu schenken und eine genaue Ursachenanalyse vorzunehmen, die sich nicht durch die Konstruktion von Scheinkausalitäten und die Kulturalisierung von Missständen zu Fehlschlüssen verleiten lässt. Indem etwa patriarchale Strukturen problematisiert werden, die es in anderer Form auch in der Mehrheitsgesellschaft gibt, wird deutlich, dass die Ursache für Sexismus und sexueller Gewalt nicht ein herkunfts- oder religionsspezifisches Problem darstellt, sondern gesamtgesellschaftlich diskutiert werden muss. Die Tatsache, dass auch in Europa jede dritte Frau schon einmal Opfer von sexualisierter oder körperlicher Gewalt wurde und Zwangsprostitution sowie Sextourismus und Alltagssexismus bekannte und verbreitete Phänomene sind, wird jedoch nicht als genuiner Ausdruck einer weißen, christlich-säkularen, deutschen Kultur thematisiert. Letztlich führt die „Muslimifizierung“ von Problemen dazu, dass Lösungsansätze, die Sexismus als gesamtgesellschaftliche Herausforderung diskutieren, verhindert werden, da die eigentlichen Ursachen nicht erkannt bzw. nicht thematisiert werden.

Um der Entpolitisierung durch Kulturalisierung entgegenzuwirken, ist es wichtig, verstärkt Akteur_innen, die Alternativen zu rassistisch geprägten Diskursen anbieten, miteinzubeziehen. Die Folgen des negativen Islambildes auf das Selbstbild junger Muslim_innen dürfen nicht unterschätzt werden, weswegen selbstbewusste muslimische role models wichtig sind, um Ausgrenzungs- und Frustrationserfahrungen zu kompensieren. Die Zusammenarbeit mit Muslim_innen, die sich gesellschaftlich engagieren oder in Moscheegemeinden in der Jugendarbeit bzw. im interreligiösen Dialog aktiv sind, kann sowohl für die muslimische Community als auch für die anti-rassistische Arbeit eine wichtige Erfahrung sein. In Bezug auf die Mehrheitsgesellschaft zeigen Studien, dass anti-muslimische Einstellungen mit zunehmender Kontakthäufigkeit zu Muslim_innen abgebaut werden können (Pollack 2014). Solange der öffentliche Diskurs jedoch einseitig Missstände fokussiert, die in rassialisierten Kontexten als kulturell und „muslimisch“ gedeutet werden, wird anti-muslimischer Rassismus weiterhin salonfähig bleiben.  Es ist daher wichtig Plattformen anzubieten, in denen alternative Narrative und Perspektiven sichtbar werden und die Begegnung mit Muslim_innen initiiert wird. Moscheebesuche, interreligiöse Dialoge und öffentliche Diskussionsveranstaltungen sowie die Zusammenarbeit mit Muslim_innen, die über den Islam aufklären und für Projektarbeiten an Kindergärten, Schulen und Universitäten gewonnen werden, kann dabei helfen, Vorurteile abzubauen und den Zusammenhalt der Gesellschaft zu fördern.

„Für die Praxis“

1. Anti-muslimischer Rassismus ist kein gesellschaftliches Randphänomen, sondern ein Problem der „Mitte“.

2. Mit islamfeindlichen Diskursen werden rassistische Praxen der Ausgrenzung legitimiert und kulturelle Dominanz hergestellt.

3. Durch eine Kulturalisierung von Problemen werden die eigentlichen Ursachen unkenntlich gemacht.

4. In der Praxis sind muslimische role models wichtig, um Frustrationserfahrungen junger Muslim_innen zu kompensieren.


Literatur

Attia, Iman (2009): Die „westliche Kultur“ und ihr Anderes. Zur Dekonstruktion von Orientalismus und antimuslimischem Rassismus, Bielefeld

Balibar, Etienne/Wallerstein, Immanuel (1992): Rasse Klasse Nation. Ambivalente Identitäten, Argument, Hamburg

Decker, Oliver u. a. (2010): Die Mitte in der Krise. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2010, Bonn: Friedrich-Ebert-Stiftung

Friedrich, Sebastian/ Schultes, Hannah (2013): Mediale Verbindungen – antimuslimische Effekte. Zu den gegenwärtigen Verschränkungen des Islamdiskurses, in: Journal für Psychologie, Jg. 21

Hall, Stuart (1989): Rassismus als ideologischer Diskurs. In: Das Argument Nr. 178

Pollack, Detlef (u.a.) (2014): Grenzen der Toleranz. Wahrnehmung und Akzeptanz religiöser Vielfalt in Europa, Wiesbaden

Räthzel, Nora (Hg.) (2000): Theorien über Rassismus, Hamburg

Schwarzer, Alice (Hg) (2016): Der Schock – die Silvesternacht von Köln, Köln